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Das war eigentlich nicht geplant, dass ich so kurz vor meiner Prüfung noch einen Artikel schreibe, denn eigentlich steht gerade das ganze „Klein-Klein“ an, das so eine Prüfung mit sich bringt (komisch, dass das im normalen Schulalltag nicht so ein Gefummel ist…). Dennoch will ich diesen Artikel von Martin Spiewak, erschienen auf zeit.de, nicht unerwähnt an meinem Blog vorbeiziehen lassen. Während meines Referendariats wurde ich in regelmäßigen Abständen durch das Studienseminar gezwungen, mir Vorträge vermeintlicher Bildungsgurus anzuhören. Alle Pädagogen liefen danach mit einem seltsam verzückten Gesichtsaudruck aus dem Saal und waren auch Tage später noch in höheren Sphären zugegen. Kritik durfte natürlich nicht geäußert werden, schließlich handelte es sich bei den in den Vorträgen ersonnenen Bildungsphantasien um das Nonplusultra der Bildungszukunft. Ich fragte mich regelmäßig, ob die Redner tatsächlich mal längere Zeit in einer Schule verbracht hatten und ob auch nur einer von ihnen aus einem bildungsfernen Elternhaus stammte, mal ganz echte Disziplinprobleme in der Schule hatte oder sich in irgendeiner Weise in Kinder und Jugendliche aus bildungsfernen Schichten hineinversetzen kann.

Alles frei, alles selbstständig, alles toll. Ach, haben wir uns lieb. Und natürlich sind alle gleich. Zitat aus dem Artikel: „In sanftem Tonfall erzählt er [Gerald Hüther], dass es unterschiedliche Begabungen nicht gebe, weil ‚jedes Kind ein wunderschönes Gehirn hat'“. Entschuldigung, aber: echt jetzt? So eine romantische Ätzsoße findet tatsächlich Anklang bei hochgebildeten Menschen?
Und weiter: „Lernen [kann] nur funktionieren […], wenn ‚das kognitive und emotionale Netzwerk gleichzeitig aktiviert wird‘.“ Wow, bahnbrechend! Ich glaube, da war mal was mit Herz, Hand und Verstand – ich kann mich aber auch irren, ich bin nicht so -Ironie an- „hochdekoriert“ -Ironie aus-.

Ich gebe es zu: Ich komme aus einer eher bildungsfernen Familie. Ein proppenvolles Bücherregal hat man im Wohnzimmer meiner Kindheit vergebens gesucht. Nachmittags lief der Fernseher. Darin: Talkshows à la „Bärbel Schäfer“, Schnulzserien wie „California Clan“. Ich wollte nie das Gymnasium besuchen. Es war nicht meine Entscheidung, dass ich dort gelandet bin. Schule hat mir Spaß gemacht. Sie hat mir neue Welten eröffnet, Wissen vermittelt, mich befähigt, weiter zu denken und vor allem, zu erkennen, dass man hart arbeiten muss, wenn man etwas erreichen will, dass Lernen nicht zwangsläufig Spaß macht, die Anstrengung sich aber lohnen kann. Und ganz besonders geholfen haben mir dabei: Lehrer, die mir gezeigt haben, wie es geht, das Lernen. Lehrer, die mir gesagt haben, was richtig und was falsch ist und mich auf dieser Grundlage befähigt haben zur selbstständigen Wissensaneignung und schlussendlich zur Urteilsbildung. Zitat aus dem Text: „Während es einem Schüler aus dem bildungsbürgerlichen Berlin-Mitte leichtfallen mag, sich den Unterrichtsstoff selbst zu erarbeiten, kann der Hartz-IV-Junge aus Neukölln damit große Probleme haben. Er braucht eher klare Strukturen statt Selbstorganisation.“ – Der Autor hat’s erkannt. Und, bei allem Heititei und Hahaha: „Natürlich lernt sich im Wald oder an der Werkbank manches besser, als wenn man ein Lehrbuch liest. Nur lässt sich eine Partizipialkonstruktion leider nicht so lehren, dass es ‚unter die Haut geht‘ (Hüther).“
Danke, Martin Spiewak für diesen wundervollen Artikel. Endlich sagt’s mal einer!

Ich mache mich wieder an meine Prüfungsvorbereitung, die mit Spaß rein gar nichts zu tun hat. Die sich aber in jedem Fall lohnen wird. – Auch wenn ich das Ding mit Karacho an die Wand fahren sollte. – Denn sie zeigt mir wieder, wie unglaublich lohnenswert es ist, sich ganz intensiv mit einem Thema auseinanderzusetzen. Auch wenn ich tausend Dinge lieber täte, die zu diesem Zeitpunkt millionenfach mehr Freude bereiten würde.

Danke, für all die lieben und aufmunternden Worte zu meinem letzten Artikel!

Allen Lesern wünsche ich ein wunderschönes und erholsames Wochenende. – Kritisch bleiben!

 

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