„Du sprechen Deutsch? Nein, nicht sprechen Deutsch?“
„Du haben Hunger? Nein, nicht haben Hunger?“

So oder ähnlich klingt es wohl tagtäglich irgendwo in Deutschland. – Mir als Deutschlehrerin schlackern die Ohren bei solchen Sätzen ganz gewaltig. Im Ernst: innerlich zieht sich alles zusammen, meine Zehennägel rollen sich metaphorisch auf, ich würde vor Schmerz am liebsten aufschreien. – Genauso ergeht es mir bei der Verwechslung von Dativ und Akkusativ (oder sind die Deutschen mittlerweile nicht mehr nur des Genitivs, sondern auch des Dativs nicht mächtig und müssen wir fürchten, dass letztlich nur noch Akkusativ und Nominativ bestand haben? Oder „besser noch“: werden gleich alle Fälle ins Nirwana der geschundenen Grammatik verschwinden?). – Aber zurück:

„Du sprechen Deutsch?“
Gruselig, ganz gruselig.

Als ich in meinem Deutschkurs gestartet bin, gab es zunächst eine Einführung für alle, die vom Klassenlehrer vorgenommen wurde. Es gab allerhand Organisatorisches zu klären: wo ist welcher Raum?, wie kommme ich zur Schule?, usw.
Mein Kurs setzt sich aus minderjährigen Flüchtlingen zusammen, die alle in etwa in das Sprachlevel A1.1 eingeordnet werden können. (Der Gemeinsame Europäische Referenzrahmen für Sprachen (GER) legt verschiedene Sprachlernstufen von A1 (Anfänger) bis C2 (nahezu muttersprachliches Niveau) fest. Wer sich gerne weitergehend informieren möchte, kann das hier tun.) Man kann also noch keine ausgedehnten Gespräche mit ihnen führen, die meisten verstehen aber grundlegende Dinge. Die Voraussetzung zum Verstehen dieser grundlegenden Dinge ist vor allem eine angepasste, das heißt langsame Sprechweise. Langsam zu sprechen scheint dabei für Deutsche ein großes Problem zu sein. Lustigerweise ist es das Anschreien des Gegenübers nicht…
Aus der Distanz betrachtet ist das mitunter etwas tragikomisch: Muttersprachler (vorzugsweise Deutsche (in anderen Kulturen ist mir das noch nicht aufgefallen) reden mit nicht Muttersprachlern. Letztere verstehen nicht, was Erstere sagen. Erstere wiederholen den gleichen Satz, in gleicher Geschwindigkeit, nur werden sie jedes Mal lauter, bis sie fast schreien. Eine echte loose-loose-Situation…

Aber zurück:

„Du sprechen Deutsch?“

Nicht nur, dass geglaubt wird, man müsse schreien, damit Fremdsprachler den SINN verstehen, nein, es geht sogar so weit, dass grammatikalisch falsche Sätze produziert werden, in dem Glauben, das helfe dem Gegenüber. Ich durfte Zeuge davon werden. Nicht nur einmal. Der Dialog verläuft dann in etwa so:

Muttersprachler: „Sprichst du Deutsch?“
Fremdsprachler: „…“ (Gerne mit leicht schiefgelegtem Kopf und fragendem Blick.)
Muttersprachler: „Sprichst du Deutsch?“ (Manchmal in dem Glauben, dieser Satz sei langsamer gesprochen als der erste.)
Fremdsprachler: „…“ (Jetzt in etwa mit gleichem Ausdruck wie beim ersten Mal oder mit leicht zusammengekniffenen Augen und noch fragenderem Blick.)
Muttersprachler: „Du sprechen Deutsch?“
„…“
Auf die Spitze getrieben endet dieser „Dialog“ in dem Satz „DU SPRECHEN DEUTSCH?“

Der Sprachlernprozess wird durch so einen Quatsch überhaupt nicht gefördert. Eher sind hinterher massive Aufräumarbeiten gefragt, denn setzt sich die falsche Grammatik einmal fest, muss man sie mühsam wieder geradebiegen. Keine schöne Aufgabe.

Ein Idealdialog sähe in etwa so aus:

Muttersprachler: „Sprichst du Deutsch?“ (Gesprochen in etwa normaler Geschwindigkeit.)
Fremdsprachler: „…“ (Gerne mit leicht schiefgelegtem Kopf und fragendem Blick.)
Muttersprachler: Sprichst … du … Deutsch?“ (Deutlich langsamer.)
Fremdsprachler: „…“ (Gerne mit leicht schiefgelegtem Kopf und fragendem Blick.)
Muttersprachler: „Sprichst (begleitende Geste) … du (begleitende Geste) … Deutsch (denkt euch was aus)?“ (Die … verdeutlichen die Sprechpausen. Insgesamt langsame Sprechweise.)

In der Langsamkeit liegt der Schlüssel, nicht in falscher Grammatik!

In diesem Sinne: Ein schönes Wochenende die Leser hoffentlich haben… 😉

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