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Neulich. Ich gehe nichtsahnend über den Schulflur und hänge meinen Gedanken nach (Unterrichtsplanung im Allgemeinen und Besonderen, Pausenvorkommnisse, wann werde ich wohl heute mal eine Kleinigkeit essen können?… was eben so anfällt, an einem Schultag). Wie aus dem Nichts steht eine Mutter neben mir und fängt an, mit mir zu reden. Es dauert einen Moment, bis ich aus meinen Gedanken auftauche und einen weiteren, bis ich verstehe, wer sie eigentlich ist. Um mitzubekommen, worum es geht, schaue ich sie an und versuche aus ihren Worten schlau zu werden. Das klappt. Es geht um ihren Sohn, einen meiner Schüler, der neulich in einem Projekt eine Fünf kassiert hat. Die Dame ist sichtlich aufgeregt und es scheint ihr schwer zu fallen, mich nicht anzuschreien. Ab und an wird ihre Stimme bedenklich laut. Ich erkläre ihr, ganz ruhig und dennoch bestimmt, wie es zu der Note kam (eigentlich hätte ich eine Sechs verteilen müssen): keine Mitarbeit, auch nicht nach Aufforderung, keine eigenständige Erarbeitung, keine Zusammenarbeit mit der Projektgruppe, eine katastrophale Präsentation. Das lässt sie nicht gelten und geht mich nun richtig an. Ihre Fragen schießt sie lauthals und aggressiv auf mich ab. Ich antworte ihr weiterhin ruhig und erkläre noch einmal, wie es zu der entsprechenden Note kam. Dann wird sie persönlich, bezeichnet mich als überheblich und arrogant (so muss es ihr in der Tat vorgekommen sein, da ich eben nicht laut wurde und mich verteidigte, sondern ihr weiterhin in aller Sachlichkeit und ohne Emotionen erklärte, wie es zu der Note kam). Ob sie im falschen Film sei, will sie plötzlich von mir wissen, denn anscheinend sei ich nicht in der Lage, sie zu verstehen. Ich frage sie, was sie denn gerne von mir hören würde. Wieder wechselt sie in eine andere Richtung und sucht sich etwas Neues, dass sie mir ganz unterschwellig vorwerfen kann. Wieso sie ihr Kind überhaupt in die Schule schicke, wenn es in einem Projekt nicht arbeite. Da müsse doch etwas schief laufen. (Ja, das sehe ich genauso.) Ich erkläre ihr, dass ich nicht arbeitende Schüler konsequent ermahne und kontinuierlich meine Hilfe anbiete. Das lässt sie nicht gelten.  Ihr Sohn würde das nicht verstehen. Und außerdem: Von mir würde sie sich auch nicht helfen lassen…
Spätestens an diesem Punkt merke ich, dass es völlig egal ist, was ich sage und wie ich mich verhalte: Diese Mutter sucht ein Ablassventil. Während des gesamten „Gesprächs“ konnte sie nicht artikulieren, was ihr Anliegen an mich ist. Und in meinen Augen wollte sie das auch nicht. Als sie endgültig merkt, dass sie mich nicht aus der Reserve locken kann, dreht sie sich um und verlässt mit einer letzten Beleidigung auf den Lippen die Schule.

Früher hätte mich eine solche Situation völlig aus der Bahn geworfen, ich hätte mir Vorwürfe gemacht, hätte nicht schlafen können und hätte alles hinterfragt. Mittlerweile sage ich mir: Eltern, die an einem echten Gespräch und einer konstruktiven Lösung sowie einer Zusammenarbeit interessiert sind, lassen sich genau darauf ein. Und mit diesen Eltern lässt sich wunderbar arbeiten, auch wenn nicht immer alles „Friede, Freude, Eierkuchen“ ist, denn schließlich geht es um das Wertvollste in ihrem Leben.

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